Ökostrom: Strompreis

Schwerpunkt: “Ökostrom” auf Rechner Photovoltaik

Autoren: hsf, lea, nau

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Ökostrom aus erneuerbaren Energiequellen ist in Deutschland ein Erfolgsprodukt. Über ein Fünftel des deutschen Stroms wird derzeit ökologisch erzeugt – durch Windkrafträder und Photovoltaik, in Wasserkraftwerken, Solarstromparks oder mit Hilfe von Biomasse. Die Zustimmungswerte der Bundesbürger zum Ökostrom liegen in der jährlichen Umfrage des Instituts Infratest regelmäßig bei über 90% (zuletzt bei 94% im August 2011) – und deutlich über die Hälfte aller Befragten, nämlich 56%, erklärte sich bereit, für einen erhöhten Ökostrom-Anteil auch erhöhte Preise in Kauf zu nehmen.
Aber nicht jeder Strom, der unter dem Label “Ökostrom” firmiert, ist dadurch auch gleich ökologisch sinnvoll – und die eine oder andere Mogelpackung ist durchaus dabei: Nicht jeder Stromtarif, der sich ökologisch nennt oder auf erneuerbare Energien verweist, unterstützt auch deren Ausbau.

Zur Ökostrom-Berechnung

In den ersten vier Artikeln unserer Ökostrom-Serie haben wir die wichtigsten Kriterien erörtert, die Stromkunden bei der Wahl des Ökostromtarifs heranziehen sollten. (vgl. die Artikel I-IV in der obenstehenden Rubrik “In unserem Blog”). Im Artikel “Ökostrom: Energiepolitik” ging es danach um die Frage, welchen Weg Deutschland in Sachen Energiepolitik zukünftig beschreiten will.

Diese Woche soll der Zusammenhang zwischen dem Ausbau der Erneuerbaren Energien und dem Strompreis genauer analysiert werden. Besonders die Förderung der dezentralen Photovoltaik (an welcher die Bürger, nicht aber die großen Energielieferanten verdienen) wird von den Lobbyisten der Energiebranche häufig als Begründung für Strompreiserhöhungen angeführt – ursprünglich ein Argument aus den Marketingabteilungen von RWE, E.ON und Vattenfall, wird dies nun auch in der Presse und Teilen der Politik bzw. Parteien nachgebetet (Links öffnen sich in neuen Fenstern). Allerdings wird dabei verschwiegen, dass die Strompreise zwar die Teuerung durch die EEG-Umlage enthalten, dass die Verbilligung der Stromerzeugung (Photovoltaik macht z.B. den Bezug teuren Stroms aus kostspieligen Gaskraftwerken unnötig) jedoch nicht an die Kunden weitergegeben wird – ein Umstand, den Verbraucherverbände, Stiftung Warentest und Bundesnetzagentur immer wieder deutlich kritisieren.

Zur individuellen Berechnung

Ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien – und insbesondere jener der Photovoltaik – also wirklich der Strompreistreiber, als den ihn die geschickte PR-Strategie der großen Stromkonzerne hinstellt? Dass es nicht ganz so einfach ist, zeigt der folgende Artikel.

Ökostrom: Strompreis als argumentative Waffe im Kampf um die Energieversorgung der Zukunft

Die Stromrechnung wird immer höher

Der Ausbau der Erneuerbaren Energien – und damit mittelbar auch die Erhöhung des Anteils von Ökostrom am Gesamtstrommix – ist in Deutschland seit 2000 im Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) geregelt. Seither ist der Beitrag der Erneuerbaren Energien zur Stromproduktion von 7% auf 20% (2011) gestiegen.
Trotz dieses Erfolgs wird die Förderung aber immer wieder heftig kritisiert, wobei die Kritiker vor allem ein Argument ins Treffen führen: Die Förderung der regenerativen Energien und insbesondere die der Photovoltaik treibe den Strompreis in die Höhe.

Nimmt man dieses Argument genauer unter die Lupe, zeigt sich, dass die Behauptung, der Strom für Haushaltskunden werde kontinuierlich teurer, zweifellos richtig ist. Der durchschnittliche Bruttostrompreis (Link öffnet sich in neuem Fenster) für Haushaltskunden betrug in Deutschland:

  • 1998 ca. 17,1 Cent pro Kilowattstunde,
  • 2000 rund 13,9 Cent/kWh,
  • 2005 etwa 18,7 Cent/kWh und
  • 2011 ungefähr 25,0 Cent/kWh.

Aus der Auflistung ist ersichtlich, dass der Strompreis bis zum Jahr 2000 gefallen und danach dann kontinuierlich gestiegen ist. Auf den ersten Blick legt das einen Zusammenhang des Strompreisanstiegs mit dem im Jahr 2000 in Kraft getretenen EEG nahe. Eine eingehende Analyse der Strompreisentwicklung wird allerdings zeigen, dass diese Schlussfolgerung nur die halbe Wahrheit ist.

Ökostrom: Komponenten des Strompreises

Der Strompreis für Haushaltskunden setzt sich aus mehreren Einzelbestandteilen zusammen, die meist in drei Hauptkomponenten zusammengefasst werden:

  • Steuern und Abgaben
  • Beschaffungs- und Vertriebskosten
  • Netznutzungskosten

Die Kosten für Steuern und Abgaben machen derzeit ca. 41% des Haushaltsstrompreises aus, die Vertriebs- und Beschaffungskosten etwa 34% und die Netznutzungskosten ungefähr 21% (nach Angaben der Bundesnetzagentur).
Die Förderung der Erneuerbaren Energien hat in allen drei Hauptbestandteilen einen Einfluss auf den Strompreis. Dabei wirkt sie preissteigernd, aber auch preisdämpfend.

Steuern und Abgaben

Die staatlichen Steuern und Abgaben sind mit rund 41% nicht nur der wichtigste Bestandteil des Strompreises, in ihnen ist auch jener Preisfaktor enthalten, der regelmäßig die Kritiker der EEG-Förderung auf den Plan ruft – die EEG-Umlage, über die jeder Stromkunde den Ausbau der Erneuerbaren Energien mitfinanziert.

Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet die EEG-Umlage insbesondere nach der starken Erhöhung 2011, als sie von 2,050 Cent/kWh auf 3,530 Cent/kWh angehoben wurde. Angelastet wurde die Erhöhung vor allem der Photovoltaik, die in diesem Jahr einen Rekordzubau erzielte. Nachdem im Oktober die Bekanntgabe der EEG-Umlage für 2012 (3,592 Cent/kWh) nur eine marginale Erhöhung brachte, verstummten die Kritiker zwar kurz. Angesichts des Zubaus von etwa 3 GWp allein im Dezember 2011 ist es mit der Zurückhaltung aber wieder vorbei. Fakten spielen in dieser Diskussion aber kaum eine Rolle.
Insgesamt trägt die EEG-Umlage derzeit allerdings nur rund 14% zum Strompreis bei. Auf die Photovoltaik entfallen davon etwa 56%, also derzeit rund 1,9 Cent/kWh. Eine von der Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegebenes Kurzgutachten vom Dezember 2010 kam zu dem Schluss:

Damit ist zunächst festzustellen, dass der Strompreisanstieg seit 2006 nur zur Hälfte auf die gestiegene Steuer- und Abgabenlast zurückzuführen ist. … Auf die EEG-Umlage entfällt davon etwa die Hälfte mit 1,2 Cent/kWh.
Die als Begründung genannte gestiegene EEG Umlage (1,5 Cent/kWh zum Jahreswechsel [2011]) kann durch ein bislang nicht weitergegebenes, erhebliches Preissenkungspotential vollständig kompensiert werden.

Der hohe PV-Zubau der letzen beiden Jahre hat zudem dazu geführt, dass die Einspeisevergütung für Strom aus PV-Anlagen (<30kWp) auf Gebäuden seit Anfang 2010 von 34,05 auf derzeit 24,34 Cent/kWp um fast 30% gesenkt wurde.
Eine Studie des Marktforschungsinstituts Prognos, die vor wenigen Tagen im Auftrag des Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) erstellt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass ab 2012 die EEG-Umlage mit jedem Gigawatt zusätzlichen PV-Zubau nur noch mit 0,035 Cent (Links öffnen sich in neuen Fenstern) belasten wird. Eine Einschätzung, die sich weitgehend mit dem Ergebnis der Mittelfristprognose deckt, welche die Übertragungsnetzbetreiber jährlich am 15. November veröffentlichen.

Zur individuellen Berechnung

Außerdem ist der Anstieg der EEG-Umlage nicht allein dem starken Zubau der Photovoltaik geschuldet. Die Kosten für den Ausbau der Erneuerbaren Energien müssen nämlich von immer weniger Beteiligten geschultert werden. So wird etwa ab 2013 der Kreis der sogenannten “privilegierten Letztverbraucher” – sie zahlen max. 0,05 Cent/kWh – deutlich erweitert, da die Eintrittsschwelle in diesen illustren Kreis von 100 auf 10 Gigawattstunden jährlichen Stromverbrauch herabgesetzt wird. Die EEG-Umlage bleibt ab dann vornehmlich an den privaten und kleinen gewerblichen Stromkunden hängen.

Beschaffungs- und Vertriebskosten

In diese Preiskomponente werden nicht nur die Aufwendungen für die Beschaffung und den Vertrieb des Stroms, sondern auch die Gewinnmargen der Energieversorgungsunternehmen eingerechnet. Der größte Kostenanteil entfällt dabei auf die Strombeschaffung am Großhandelsstrommarkt. Da sich der Großhandelsstrompreis nach dem an der European Energy Exchange (EEX) ermittelten Handelspreis richtet, hängt die Höhe des Kostenanteils Strombeschaffung maßgeblich vom Börsenstrompreis ab.
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien wie etwa jener der Photovoltaik wirkt sich auf den Börsenstrompreis jedoch nicht preissteigernd, sondern – auf Grund des sogenannten Merit-Order-Effektspreismindernd aus. Laut einer Studie (Link öffnet sich in neuem Fenster) des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) war der Merit-Order-Effekt im Jahr 2010 für eine Reduktion des Börsenstrompreises um etwa 0,5 Cent/kWh verantwortlich.

Trotz sinkender Börsenstrompreise wird der Ökostrom immer teurer

Während der Börsestrompreis (grün) fällt, steigt er für private Haushalte (rot)
weiter an – Quelle Statistisches Bundesamt.

Wie aus der obenstehende Grafik hervorgeht, ist der Börsenstrompreis erheblichen Schwankungen unterworfen. In der Tendenz sinkt er jedoch seit Jahren, besonders stark seit Beginn der Weltwirtschaftskrise im Herbst 2008.
Die Grafik verdeutlich aber auch, dass sich der sinkende Börsenstrompreis nicht auf die Strompreise für private und gewerbliche Stromkunden überträgt. Der BDEW begründet dies damit, dass die Energieversorger ihren Kundenstrom bis zu drei Jahre im Voraus einkaufen. Die Bundesnetzagentur fordert die Energieversorger hingegen immer wieder auf, den Kostenrückgang bei der Strombeschaffung an die Haushaltsstromkunden weiterzugeben (vgl. dazu etwa den Monitoringbericht 2010).
Weshalb die Energieversorger dieser Forderung bisher noch nicht nachgekommen sind, deutet eine Strompreisstudie (PDF) (Links öffnen sich in neuen Fenstern) an, die 2010 von den Grünen in Auftrag gegeben wurde. Sie konnte zeigen, dass dies vor allem an den “erheblich gestiegenen Margen der etablierten Versorger” liegt.

Welche Gründe letztlich auch ins Treffen geführt werden: Tatsache ist, dass die niedrigeren Beschaffungskosten und der börsenstrompreisdämpfende Effekt der Erneuerbaren Energien nicht an die Haushaltsstromkunden weitergeben werden. Von den günstigeren Börsenstrompreisen profitieren nur die großen Industrieabnehmer, die ihren Strom direkt an der Börse einkaufen (Sie profitieren durch die weitgehende Befreiung von der EEG-Umlage sogar doppelt).

Zur individuellen Berechnung

Netznutzungskosten

Die Förderung der Erneuerbaren Energien wie der Photovoltaik, der Biomasse oder der Windkraft wirkt sich auch auf die Netznutzungskosten aus. Zwar haben sich die Kosten für die Netznutzung durch die regulierenden Eingriffe der Bundesnetzagentur in den letzen Jahren kontinuierlich verringert (von 7,3 Cent/kWh im Jahr 2006 auf 5,75 Cent/kWh Anfang 2011) – für die nächsten Jahre rechnet man aber auf Grund des Netzausbaus, den die Integration des regenerativ erzeugten Stroms ins öffentliche Stromnetz notwendig macht (Stichworte “Smart Grids”, “50,2 Hertz-Problem”), mit einem Anstieg der Netznutzungskosten. Wie hoch der Kostenanstieg ausfallen wird, hängt aber maßgeblich von der Art der Netzintegration und der Gestalt des zukünftigen EE-Kraftwerkparks ab.
Die Bundesregierung hat im Energiewendepaket die Windenergie in Form von großen Offshore-Windparks als die zentrale regenerative Technologie bestimmt, mit der die angestrebten Ausbauziele der EEG Novelle 2012 erreicht werden sollen. Der für die Offshore-Windparks notwendige Netzausbau wird aber viel Geld kosten. Die Deutsche Energie-Agentur rechnet bspw. nur für die benötigten Seekabel in der Nord- und Ostsee mit Investitionen von rund 3,4 Mrd. Euro. Die Kosten für die erforderlichen Überlandtrassen sollen sich bis 2030 sogar auf geschätzte 22-29 Mrd. Euro belaufen (vgl. dazu den Artikel “Zentral oder/und dezentral organisierte Energiewende?” im Solarbrief 03/2011).
Kritische Stimmen argumentieren, dass eine dezentrale Integration der Erneuerbaren Energien ins Stromnetz nicht nur deutlich einfacher, sondern auch preiswerter umzusetzen wäre.

Zur individuellen Berechnung

Treibt der Ökostrom den Strompreis in die Höhe?

Energiepolitik ist nicht nur Preispolitik, sondern spiegelt immer auch Werte, Orientierungen und Strategien mit Abhängigkeiten von Bodenschätzen, Unternehmen und erdölfördernden Staaten wider. So waren es früher die hochsubventionierte Atomenergie oder der jahrzehntelang zu entrichtenden “Kohlepfennig”, welche auf Steuerzahler und Verbraucher umgelegt wurden. Auch einen weitreichenden Strukturwandel wie den Umstieg auf eine Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien gibt es nicht zum Nulltarif. Ein Teil der Kosten, die dieser ökonomisch sinnvolle und ökologisch notwendige Umstieg verursacht, wird über die EEG-Umlage von privaten und gewerblichen Stromkunden mitgetragen. Dass die in der EEG-Umlage enthaltene Förderung der regenerativen Energien – und somit die Erhöhung des Ökostromanteils am Gesamtstrommix – aber wesentlich oder gar alleine für den kräftigen Strompreisanstieg verantwortlich ist, das ist schlichtweg falsch.
Zwischen 2006 und 2011 ist der durchschnittliche Strompreis für Haushaltskunden um rund 5,5 Cent/kWh gestiegen. Die EEG-Umlage erhöhte sich im selben Zeitraum zwar um etwa 2,7 Cent/kWh, gleichzeitig wirkte sich der Ausbau der Erneuerbaren Energien aber auf den Börsenstrompreis und damit auf einen wesentlichen Teil der Beschaffungskosten preissenkend aus. Da in der betrachteten Zeitspanne auch die Netznutzungskosten gesunken sind (um etwa 1,6 Cent/kWh), ist der Strompreisanstieg für Haushaltskunden demnach zum Großteil auf andere Preisfaktoren zurückzuführen. Hierzu zählen zum einen zwar auch steuerliche Abgaben, hierzu zählen aber zum anderen und insbesondere die Gewinnmargen der Energieversorger, wie es bspw. der scheidende Präsident der Bundesnetzagentur Matthias Kurt nicht müde wird zu betonen.

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