RECS-Zertifikate

Lexikon der Photovoltaik-Begriffe

Das RECS-Modell (Akronym von engl. „Renewable Energy Certificate System“, dt. „System der Zertifizierung erneuerbarer Energien“) ist eins von drei aktuellen Modellen des Handels mit Ökostrom. Neben dem – etwas komplexen –

Schwerpunkt: “Ökostrom” auf Rechner Photovoltaik

In unserem Blog:

  • Teil I: Ökostrom – was ist das?
  • Teil II: Vom Betreiber zum Verbraucher
  • Teil III: Ökostrom-Zertifikate
  • Teil IV: Ökostromanbieter – Serviceteil
  • Teil V: Ökostrom im Energiemix
  • Teil VI: Ökostrom und sein Preis
  • Teil VII: Ökostromrechner online

In unserem Photovoltaiklexikon:

Kostenloser Service: Unverbindlicher Vergleich von Ökostrom-Tarifen

RECS-Modell existieren derzeit noch das Händlermodell und das Aufschlagmodell (vgl. Ökostrom: Vom Betreiber zum Verbraucher) – im Händlermodell wird der Strom aus Erneuerbaren Energien durch vertraglich fest verbundene Händler bzw. Betreiber nachgeliefert; im Aufschlagmodell wird dem Ökostromkunden zwar Graustrom (Strom ohne Herkunftsnachweis) geliefert, der Aufpreis wird jedoch in den Aufbau weiterer Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien wie Windkraft, Biomasse oder Photovoltaik investiert.

Zur individuellen Ökostrom-Berechnung
(Verivox-Tarifrechner auf Rechner Photovoltaik)

Hiergegen steht das RECS-Modell, das auf Anhieb möglicherweise nur schwer verständlich ist: Es geht davon aus, dass es sich bei Strom aus erneuerbaren Energien letztlich um zwei Produkte in einem handelt – nämlich:

  • einerseits um den materiellen Strom aus den erneuerbaren Energien selbst,
  • andererseits um seine Klassifikation als „Ökostrom“, seine virtuelle Verpackung also.

Dieser Gedanke muss näher erläutert werden.

Ökostrom mit Photovoltaik

Ökostrom und “Ökostrom”

Da der Strom aus Photovoltaik, Biomasse, Windenergie usw. sich im „Stromsee“ der öffentlichen Netze mit Strom aus Kohle, Atomkraftwerken und Gasverbrennung vermischt, ist seine Herkunft unerkennbar geworden. Einerseits ist der Strom aus den erneuerbaren Energiequellen eine reale Angelegenheit – er wurde tatsächlich hergestellt -, andererseits ist er im öffentlichen Netz verschwunden und hat sich in einem “See” aus Graustrom aufgelöst: Er ist nicht mehr fassbar.
Die Bezeichnung “Ökostrom” hat sich damit von der konkreten Sache “Ökostrom” gelöst. Der physische Strom wird auf dem Strommarkt verkauft wie jeder andere Strom auch – er wird ins öffentliche Netz eingespeist, ist nicht zurückzuverfolgen (“Strom ist Strom”), und erreicht die Verbraucher im allgemeinen Strommix. Real handelt es sich nicht mehr um “Grünstrom” aus erneuerbaren Energien, sondern um “Graustrom”, dessen Quellen nicht zu erkennen sind. Das Einzige, das in dieser Situation den Ökostrom zum “Ökostrom” macht, der den Verbrauchern einen zusätzlichen Wert vermittelt, ist seine Bezeichnung. Diese Bezeichnung ist es, und nicht der ununterscheidbare Strom, welche den finanziellen Wert dieses Stroms ausmacht.

Zum unverbindlichen Vergleich: Ökostrom-Tarife

Königtum im Gefäß der Königin

Eine historische Analogie macht den etwas steilen Gedanken vielleicht fasslicher. Die legendäre englische Königin Elizabeth I., die von 1558 bis 1603 auf einem Herrscherstuhl regierte, den traditionell Männer inne gehabt hatten, verteidigte ihre Position damit, dass sie zwar den Körper einer Frau hätte – dass sich in ihr aber das Königtum ebenso verwirklichte wie in einem männlichen König. In der Königin trafen sich nach dieser Überzeugung also der private Körper der Frau mit dem überpersönlichen Körper des Königtums in einer Person. Diese Überzeugung von den sogenannten “zwei Körpern des Königs” hatte später gravierende Folgen, indem Könige als Privatpersonen zum Tode verurteilt werden konnten, ohne dass dabei “das Königtum” als solches rechtlich verletzt wurde.
Die Eigenschaft “König” hatte sich also von der Person des Königs gelöst.

So lässt sich vielleicht die Trennung zwischen Ökostrom und “Ökostrom” im Grundverständnis des RECS-Konzepts verstehen – das eine ist die materielle Grundlage, der eigenschaftslose Strom, das andere das Konzept, dass die Energie ökologisch nutzbringend aus erneuerbaren Energien erzeugt wurde.

Die interessante Wendung des RECS-Modells besteht nun darin, dass beides getrennt verkauft werden kann. Der Grünstrom aus erneuerbaren Energien wird als einfacher “Graustrom” vermarktet – und die Bezeichnung “Ökostrom” wird auf getrenntem Weg als “Zertifikat” veräußert. Warum das so ist, wie das dem Aufbau erneuerbarer Energien nützen soll und wem es im Endeffekt nützt, dazu gleich mehr.

Zum unverbindlichen Vergleich: Ökostrom-Tarife

Zertifikate

Zunächst einmal zu der Konstruktion des “Zertifikats” (aus lat. “certus” und “facere” – dt. “sicher” und “machen”) – ein ähnlicher Mechanismus ist auf der Basis des Kyoto-Protokolls bekannt, nach dem im Jahr 1997 155 Staaten eine Reduktion der Emission der Treibhausgase CO2, Methan, Lachgas, Fluorkohlenwasserstoff, perfluorierter Kohlenwasserstoff und Schwefelhexafluorid verabredeten.
Zu den wichtigsten Instrumenten des Kyoto-Protokolls gehört der Emmissionsrechtehandel, mit dessen Hilfe die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen dorthin verschoben werden sollte, wo sie am kostengünstigsten war. Hiermit konnten sich Einzelunternehmen und Staaten von der Reduktionspflicht freikaufen, umgekehrt wurden diejenigen Staaten finanziell belohnt, welche ihre Reduktionspflicht übererfüllten.
Wie weit der Mechanismus als solcher zielführend ist (dazu sind durchaus kritische Stimmen zu hören), kann hier nicht weiterverfolgt werden; es genügt vielleicht, darauf hinzuweisen, dass die Kyoto-Ziele bisher weit verfehlt wurden.

Eine ähnliche Möglichkeit zum Freikauf bietet jetzt das RECS-Modell: Der ökologische Nutzen von Strom aus Erneuerbaren Energien wird, wie dargestellt, getrennt von der physikalischen Eigenschaft des Stroms vermarktet; statt teurer Umrüstung auf erneuerbarer Energien können Elektrizitätsversorger, die über hohe konventionelle Kapazitäten verfügen, nun konventionellen Strom erzeugen und ihrerseits die Erzeuger von erneuerbaren Energien finanziell für deren zusätzlichen Aufwand entschädigen, indem sie ihnen ihr Ökostrom-Zertifikat abkaufen.

Auf diese Weise soll die Erzeugung erneuerbarer Energien gefördert werden

Soweit die Idee. In der Praxis verbinden sich verschiedene Implikationen mit dem RECS-Modell, die starke kritische Stimmen auf sich gezogen haben.

Graustrom zu Grünstrom

Zertifikate: Millionenschwerer Stromhandel

Der Vorgang stellt sich folgendermaßen dar. Ein großer Photovoltaikbetreiber beispielsweise, der für sein Produkt keinen Abnehmer findet, verkauft seinen Solarstrom als konventionellen Strom; für diese Strommenge erhält er eine entsprechende Anzahl von RECS-Zertifikaten, die er, getrennt vom physischen Strom, wiederum am Strommarkt verkauft.
Ein Stromversorger, der seine RECS-Zertifikat erworben hat, kann damit seinen eigenen konventionell erzeugten Strom “umetikettieren” und an seine Kunden als Strom aus erneuerbarer Energie verkaufen. Allerdings ist das RECS kein Ökostrom-Zertifikat – und so bezahlt der Ökostrom-Kunde des konventionellen Energieversorgers nun Strom, der zwar als Strom aus Erneuerbaren Energien zertifiziert ist, aber aus Kern- und Kohlekraftwerken stammt.

Das Einzige, das dem Verbraucher garantiert werden kann, ist, dass irgendwo eine Menge an Strom aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt wurde, die der Menge Strom entspricht, die er als Ökostrom verbraucht – dies aber nur für den kleineren Teil seines Tarifs, da die Zertifikatskosten mit zwischen 1,67% und 4,17% der Kosten für konventionellen Strom überraschend niedrig liegen (vgl. den schon etwas älteren Beitrag beim Online-Dienst Heise, der sogar von einer Ökostrom-Lüge spricht).
Mit dem Großteil seiner Tarifkosten unterstützt der Ökostrom-Kunde also paradoxerweise weiterhin Kernkraft, Kohle und Gasverbrennung – und verhindert damit eine rasche Umrüstung auf Strom aus erneuerbaren Energien.

So war denn auch in Großbritannien, das lange Zeit ausschließlich auf Zertifikate setzt, kaum ein Zubau an erneuerbaren Energien zu beobachten. Mit der im Juli 2011 vorgestellten “Renewables Roadmap” verabschiedet sich die britische Regierung denn auch vom Zertifikatehandel und plant einen Systemwechsel zur Einspeise-Vergütung, um die Erneuerbaren deutlich voranzubringen.

Kritik am RECS-Modell

Dem entsprechen die Ergebnisse einer immer noch aktuellen Studie des Fraunhofer Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung Fh ISI und der Energy Economist Group, TU Wien im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit von 2005 (PDF: “Zusammenfassende Analyse zur Effektivität und ökonomischer Effizienz von Instrumenten zum Ausbau erneuerbarer Energien im Strombereich“, 2005 – Zwischenergebnis aus dem “UFO-Plan Forschungsvorhaben ‘Monitoring und Fortentwicklung nationaler und europäischer Instrumente zur Marktdurchdringung erneuerbarer Energiequellen im Strommarkt’”):

Länder, in denen Quotenregelungen mit einem Zertifikatehandel implementiert sind, weisen mit Ausnahme von Schweden hohe Vergütungen und gleichzeitig niedrige Effektivitätsindikatoren auf. Dies ist zum Teil in der Annahme eines konstanten Zertifikatspreises begründet. Trotzdem zeigen die Ergebnisse, dass Quotenmodelle zu hohen Profiten für Kraftwerksbetreiber führen können, die unter anderem durch hohe Investitionsrisiken bedingt sind.
Länder mit Einspeisetarifen weisen einen höheren Effektivitätsindikator bei geringeren erwarteten Annuitäten auf.

Eine weitere interessante Perspektive zum RECS-Zertifikatehandel trägt der Solarenergie Förderverein Deutschland e.V. vor:

Wer andere schädigt, ist zur Unterlassung und zum Schadensersatz verpflichtet. Dieser moralische und rechtliche Grundsatz wird durch den RECS-Handel in sein Gegenteil verkehrt: Nicht alle Schädiger der Umwelt – Erzeuger und Verbraucher von konventionell erzeugtem Strom – sollen zahlen, sondern nur diejenigen, die die Schädigung nicht mehr hinnehmen wollen. Der RECS-Handel [...] stellt damit die rechtlichen und moralischen Verpflichtungen auf den Kopf.

Eine weitere ausführliche kritische Stellungnahme zum RECS-System findet sich auch beim Bundesverband der Erneuerbaren Energien BEE e.V. (PDF, Link öffnet sich in neuem Fenster).

Wem nützt RECS?

Mitglieder im RECS Deutschland e.V. sind unter anderem: Agder Energi Produksjon AS (stellt den Vorsitzenden), E.on Energy Trading AG, E.on Vertrieb Deutschland GmbH, Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg AG, EnBW Trading GmbH, envia Mitteldeutsche Energie AG, Lekker Energie GmbH, Maestro Energie GmbH, mk-group Clearing- und Abwicklungsstelle Energie e.V., Naturwatt GmbH, REPOWER, RheinEnergie AG, RWE Supply & Trading GmbH, Sharp-Solar Systems Group, Stadtwerke Düsseldorf AG, Stadtwerke Weißenfels GmbH, Städtische Werke AG Kassel, Statkraft Markets GmbH, TÜV Süd Industrie Service GmbH, Vattenfall Europe Trading GmbH, Vattenfall Europe Sales GmbH, Verbund AG.

Bewusst auf den RECS-Zertifikatehandel verzichten die Ökostromanbieter EWS Schönau, Lichtblick, Greenpeace energy und Naturstrom.

Zur individuellen Ökostrom-Berechnung

Solarzellen im Zusammenspiel

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