SEPA
Lexikon der Photovoltaik-Begriffe
Die Solarenergiepartnerschaft Afrika SEPA (Solarenergy Partnership Africa) ist eine Initiative der Justus-Liebig-Universität Giessen, die im Jahr 2006 begründet wurde. Das interdisziplinäre Expertengremium lotet Möglichkeiten zu europäisch-afrikanischen Kooperationen zur Nutzung erneuerbarer Energien, z.B. Windkraft, Meerwasserentsalzung via Photovoltaik, namentlich aber zur Solarstromerzeugung aus.
Das Ziel ist die Verbesserung der Rahmenbedingungen von Solarstromerzeugung in und Stromimport aus der Wüste.

Prinzipien der SEPA
Die Solarenergiepartnerschaft Afrika stützt sich auf folgende Überlegungen:
- Deutschland zählt in der Solartechnologie zu den führenden Nationen, verfügt aber, verglichen mit den meisten Ländern Afrikas, nur über eine vergleichsweise niedrige Solareinstrahlung.
- Die Sonnenländer Afrikas hingegen verfügen über großes Potenzial, jedoch häufig nicht über die Mittel zur Solarstromerzeugung im Maßstab großer und größter Solarkraftwerke.
- Partnerschaften zur Solarwärme- und Solarstromerzeugung können sich für beide Seiten rentieren.
- Inhaltlich sind Konzepte für Solar-Großkraftwerke in der Wüste, deren Energieerzeugnisse nach Europa transportiert werden – wie z.B. das vom Club of Rome, der Deutschen Luft- und Raumfahrtgesellschaft DLR u.a. geförderte Projekt Desertec – öffentlich bekannt und technisch längst ausgearbeitet.
- Gescheitert ist die Umsetzung solcher Projekte bisher nicht an der technologischen Machbarkeit, sondern – neben wirtschaftlichen Bedenken – v.a. an politischen und und kulturellen Barrieren.
- Um die Solarstromerzeugung für Europa in einer Partnerschaft mit geographisch geeigneten Ländern Afrikas in Gang zu bringen, müssen daher politische und natürlich rechtliche, aber auch kulturelle, soziale, geographische und historische Aspekte in die Vorbereitungen einbezogen werden.
- Dazu gehört auch eine Distanzierung von eurozentristischen Betrachtungsweisen – der Partnerschaftsbegriff der SEPA geht davon aus, dass eine langfristig nutzbringende Partnerschaft nur dann erfolgreich ist, wenn sie sich auf Augenhöhe mindestens zu gleichen Teilen an afrikanischen wie an europäischen Interessen ausrichtet.
Die interdiszpilinäre Expertengruppe veranstaltet Seminare und öffentliche Tagungen (neben der “Summer University” in Giessen z.B. Tagungen 2011 in Namibia und 2012 im Senegal), knüpft ein Netz von Kontakten zwischen europäischen und afrikanischen Stellen und schreibt ihre Bemühungen fort, mögliche Kooperationen aus der Perspektive von Politik- und Rechts-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Geschichte und Geographie zu analysieren und zu bewerten.
Zwei Wege der Solarenergiepartnerschaft
Dabei haben sich bisher v.a. zwei mögliche Wege der Solarenergiepartnerschaft zwischen europäischen und afrikanischen Staaten herauskristallisiert:
- Die Energiepartnerschaft nach dem Kyoto-Protokoll,
- die Energiepartnerschaft über Solarstrom-Lieferungen.
1. Energiepartnerschaft nach dem Kyoto-Protokoll (“Typ I”)
Das Kyoto-Protokoll, die 1997 beschlossene internationale Vereinbarung zum Klimaschutz, sieht mehrere Mechanismen zur Reduktion der weltweiten CO2-Produktion vor. Unter ihnen den Ausgleichsmechanismus des “Clean Development Mechanism“, mit welchem die Industrieländer den vorübergehend fortgesetzten Abbrand fossiler Brennstoffe klimatisch “ausgleichen” können, indem sie Entwicklungsländern Technologien zur nachhaltigen Nutzung regenerativer Energien zur Verfügung stellen (hierfür erhalten sie CO2-Zertifikate).
Zu diesen regenerativen Technologien können u.a. Mittel zur dezentralen Solarstromerzeugung, aber auch Solarthermie-Großkraftwerke gerechnet werden. Die “drahtlose” Solarenergiepartnerschaft nach Typ I beinhaltet also den Aufbau solarer Technologie in Afrika im Gegenzug zur Erlaubnis nach dem Kyoto-Protokoll, selbst zumindest vorübergehend fossile Brennstoffe weiter zu nutzen.
Da keine direkte physische Verbinung nach Europa notwendig ist, eignet sich die Solarenergiepartnerschaft nach Typ I auch für afrikanische Staaten südlich der Sahara.
2. Energiepartnerschaft über Solarstrom-Lieferungen (“Typ II”)
Die Sahararegion verfügt über die 26-fache Fläche Deutschlands. Nur wenige Bereiche davon sind nicht für die Solarstromerzeugung geeignet. Ein Bruchteil dieser Fläche, so Berechnungen der SEPA, aber auch im Umfeld des Projekts Desertec, reicht aus, ganz Europa mehrfach komplett mit regenerativem Solarstrom zu versorgen. Die Solartechnologie, von den Materialien über die Solarzelle bis zum Photovoltaiksystem befindet sich zwar in fortdauernder Weiterentwicklung, ist aber zugleich bereits ausgereift genug, um Großprojekte dieser Dimension zu bewältigen. Geographisch am besten geeignet hierfür ist die libysche Wüste – auch wirtschaftliche Verflechtungen Libyens mit Europa, zu dessen größten Energielieferanten der Staat durch seine Erdölförderung gehört, sprechen (politische Ereignisse wie im Frühjahr 2011 beiseite gesetzt) dafür -, aber auch die anderen Staaten des Maghreb verfügen über geeignete Solarstromkapazitäten.
Das Konzept des Typs II der Solarenergie-Partnerschaft geht davon aus, dass in der Sahara erzeugter Solarstrom kostengünstig und sicher über Hochspannungs-Gleichstromkabel nach Europa transferiert werden kann.
Kritik an den SEPA-Konzepten
Kritisch muss insbesondere zum Typ II eingewendet werden, dass – neben regionalen wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen, die durch die Einführung von industriellen Großprojekten in die betroffenen Gesellschaften entstehen (Beispiel: Erdölförderung in Nigeria) – auch internationale Abhängigkeiten entstehen. Dies kann eine – die Ereignisse des “arabischen Frühlings” im Jahr 2011 zeigen das – eine politisch nicht absehbare Vulnerabilität Europas nach sich ziehen, für die auch eine Betrachtung unter sicherheitspolitischer Perspektive relevant ist.
Die Konzentration der für die Industriestaaten überlebenswichtigen Energielieferung in wenigen Händen macht sie – dies ist spätestens seit der Erdölkrise 1974 bekannt – treff- und erpressbar. Allein die Drohung während der Revolution im März 2011, die Lieferungen libyschen Öls würden voraussichtlich eingestellt, trieb den Energiepreis an den Börsen hinauf – mit drastischen Folgen für die Wirtschaft.
Sogar schon – in etwas kleinerem Rahmen, aber als Beispiel drastisch genug – die Konzentration der Stromerzeugung auf die vier großen Konzerne EnBW, E.on, Vattenfall und RWE in Deutschland hat zur Folge, dass die deutsche Energiepolitik (Stichworte: Preise, verzögerter Netzausbau, verschleppter Ausbau der Windkraft, Atomwirtschaft) maßgeblich durch die private Wirtschaft mitbestimmt wird.
Die energiepolitische Abhängigkeit der von – noch? – politisch nicht gefestigten Regionen wäre die Folge von Großprojekten des Typs II – die übrigens wieder in der Hand einiger weniger Energiekonzerne lägen. Der politische Charme der individuellen Ermächtigung und Selbstbestimmung bei der Solarstromerzeugung, wie die Photovoltaik auf dem eigenen Dach ihn mit sich bringt, geht bei Projekten in diesem Maßstab verloren.
Aus der SEPA wird dem entgegengehalten, dass beide Typen der Energiepartnerschaft eine erhöhte politische und humanitäre Vernetzung zwischen Europa und Afrika nach sich ziehen und damit einen Beitrag zur Stabilisierung (zumindest der Mittelmeerregion) leisten können.
Im Jahr 2011, der Zeit der demokratichen Revolutionen im arabischen Raum, ist dies noch nicht abschließend zu beantworten; die Entwicklung lässt hoffen, sie bleibt derzeit – positiv wie negativ – noch offen.

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Einen illustrativen kritischen Überblicksartikel des SEPA-Geographen Frank Schüssler, Universität Giessen, finden Sie – auch via SEPA-Veröffentlichungen hier: “Ein ‘Meer aus Spiegeln’ – aber wo? Trägt die Solarenergiepartnerschaft zwischen Afrika und Europa zur Verschärfung regionaler Disparitäten in Afrika bei?”.
Vielen Dank!


